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Nachrichten für Filmschaffende – der Branchennewsletter von Crew United #813 vom 11. Juni 2026 |
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Das Titelthema: Späte Bewegung
Die weiteren Themen: Filmemachen | Podcast | Stream | Vermischtes | Rückblick | Termine |
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In eigener Sache: Wir machen Sommerpause! Die nächste Ausgabe erscheint am 9. Juli. |
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„Nachts, wenn der Teufel kam“ (1958). | Foto © DIF |
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Übers Filmerbe hatten wir in der vorigen Ausgabe berichtet und konnten noch ein Happy End vermelden: Wim Wenders wird sein Frühwerk „Falsche Bewegung“ nicht mehr zeigen lassen, bis er sich mit Nastassja Kinski geeinigt hat. Der Film enthält eine Szene, die es eigentlich gar nicht geben sollte, meint die Schauspielerin. Sie war damals 13 und wurde nicht gefragt. Offen bleibt „die Frage nach dem Umgang mit heute problematischen Bildern des Filmerbes“, schreibt Kira Kramer in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Damit hatte zuvor Wenders begründet, warum er seinen Film nicht korrigieren möchte. Und zugleich die Deutsche Filmakademie um eine Debatte gebeten. Die soll wohl auch kommen, meldet die Deutsche Presse-Agentur. „Es benötige Zeit und Sorgfalt, sich inhaltlich auf einen fundierten Austausch vorzubereiten, daher sei im September eine Veranstaltung dazu geplant. Möglich ist, dass frühestens ab Herbst dann auch eine Entscheidung gefällt werden könnte, wie mit dem Film weiter umgegangen werden soll.“ Michael Hanfeld ärgert sich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]: „Kommt es dergestalt, […] liefe es doch so, wie Wenders es bei der Verleihung des Filmpreises ausdrückte, als er die Frage nach seiner persönlichen moralischen Verantwortung für die Nacktszene mit einem Kind zu einer scheinbar allgemeinen der Kunstfreiheit machte. Zu fragen wäre dann, was Wenders' Entschuldigung bei Nastassja Kinski von diesem Mittwoch wert ist und bedeutet.“ Kritisch sieht’s auch Daniel Kothenschulte in der „Frankfurter Rundschau“. „Wie bei der Berliner Rede rückt er die persönliche Verantwortung in eine gesellschaftliche. Er sieht seinen Film offensichtlich als Teil eines Filmerbes, zu dem auch viele andere Filme gehören, in denen Minderjährige ausgebeutet worden sein könnten oder die heutigen ethischen Standards widersprechen.“ Nicht nur „heutigen“ Standards. Zu diesem Filmerbe gehört zum Beispiel Leni Riefenstahls „Tiefland“: Als Statist*innen zwangsrekrutierte die Regisseurin mehr als einhundert Sinti; die meisten wurden anschließend im Konzentrationslager ermordet. Restaurierung und Digitalisierung des Films wurden 2019 von der FFA im Programm „Filmerbe“ gefördert. Oder Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“: Als Abrechnung mit dem Nationalsozialismus wurde der Film 1958 mit zehn Bundesfilmpreisen gefeiert – bis heute der Rekord bei den „Lolas“. Bloß war der Regisseur selbst auf eine Nazi-Erzählung reingefallen: der angebliche Serienmörder war bloß ein Sündenbock. Dessen Schwestern protestierten vergeblich gegen den Film. Später distanzierte sich der Hauptdarsteller Mario Adorf von der Rolle, die ihm den Durchbruch bescherte. Und noch immer feiert die Filmgeschichte die Übergriffe im Namen der Kunst. Valérie Catil nennt in der „Taz“ einige Bespiele, bei denen sie sich fragt: „Warum müssen Frauen ,vernünftig’ über Filme diskutieren, die Gewalt an ihnen legitimieren? […] Diese Szenen herauszuschneiden, wäre keine politisch korrekte Zensur oder ein Symptom moralischer Kleinkariertheit. Die Szenen zeigen Missbrauch an Frauen, festgehalten für die Ewigkeit und verteidigt von einer Kulturbranche, die argumentiert, dass man Kulturrevision betreibe, wenn man solche Filme ändere. Aus der dargestellten Gewalt lernt sie aber nichts.“ Der Medienwissenschaftler Gerhard Schweppenhäuser weiß gar nicht, wo das Problem liegen soll. Schließlich werden Filme häufig im Nachhinein verändert, und „nirgends steht geschrieben, dass ein Director’s Cut länger sein muss als die Kinofassung.“ Zudem kam die strittige Szene in Wenders’ Film in der Buchvorlage gar nicht vor. „Es wäre auch 1975 möglich gewesen, darauf zu verzichten, die spannungsreiche Beziehung des Helden zur äußeren und zur triebhaften inneren Natur anders, sprich: weniger die Schaulust bedienend, zu visualisieren“, schreibt er in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. „Hätte Beethoven sich mit sorgenzerquältem Antlitz vor das Publikum gestellt und gefragt, ob man eine Oper im Nachhinein kürzen kann? So fragte ein Künstler von Beethovens Rang nicht; er straffte und kürzte. Wenders hat die Chance, der Einsicht Rechnung zu tragen, dass auch eine Schauspielerin den Anspruch erheben darf, als Mitautorin des kollektiven Kunstwerks Film anerkannt zu werden. Das Machtgefälle zwischen Regisseur und Aktrice ist kein Wesensmerkmal des Mediums.“ Das ist doch eine Riesenchance für Wenders, findet die Regisseurin Julia von Heinz in einem Gastbeitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ [Bezahlschranke]: „Bisher lautete sein Gegenargument, man richte großen Schaden an, wenn man das Filmerbe verändere. Dabei fertigen sehr viele Regisseure und Regisseurinnen sogenannte Director’s Cuts an, teilweise Jahrzehnte nach der Veröffentlichung der ursprünglichen Filmfassung. Sie möchten ihrem Filmerbe diejenige Version hinzufügen, die sie für die richtige halten. […] Es ist keine grundsätzliche Zerstörung des Filmerbes oder der Kunst an sich, kein alles infrage stellender Vorgang, sondern ein einzelner, symbolischer Akt, der erklärt: Heute sehe ich diese Version meines Films als die richtige an. Damit möchte ich meinem Werk kein Kapitel nehmen, sondern ihm ein Kapitel hinzufügen. […] Wim Wenders hat von Nastassja Kinski ein Geschenk erhalten: Sie sucht den Dialog und ist bereit, über ihre traumatische Erfahrung zu sprechen. Er könnte ihr also den Platz einräumen für ein begleitendes Interview oder einen Essay, in dem sie über diese Dreherfahrung und die Jahre der Auswertung Auskunft gibt. Damit schriebe er weitere Filmgeschichte, modernisierte sein Werk und erreichte womöglich ganz neue Zuschauergruppen. Ich kann mir seine bisherige Sorge um das Filmerbe nur damit erklären, dass sie auf einem Geniebegriff basiert, der annimmt, ein Film käme Frame-genau, also Einstellung für Einstellung, zustande – und diese Form sei die einzig wahre und dürfe nicht verändert werden.“ |
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Jana Radewa in „Das geträumte Abenteuer“. | Foto © Komplizen Film |
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Neun Jahre hatte Valeska Grisebach für ihren neuen Film gebraucht. Dafür hat „Das geträumte Abenteuer“ auch gleich den „Preis der Jury“ in Cannes gewonnen. Schon „Western“ (2017) hatte Grisebach in Bulgarien gedreht, nun erzählt sie ihre Geschichte mit den Mitteln des Gangsterfilms: Die Archäologin Veska (Jana Radewa) bekommt es im Grenzgebiet mit Schmugglerbanden zu tun. „Ein Ausgangspunkt für das Projekt war natürlich meine Faszination mit den eher männlich oder maskulin codifizierten Genres“, erklärt die Regisseurin im Interview mit Beatrice Loayza für „Film Comment“ [auf Englisch]; der „Perlentaucher“ übersetzt: „In Bulgarien mit anderen Frauen über die Zeit nach 1989 zu reden war für mich wirklich fesselnd. Mir wurde klar, wie sehr wir in Europa gleichzeitig miteinander verbunden und voneinander getrennt sind. Yana und ich gehören zwar derselben Generation an, aber wir erfuhren diese Zeit vollkommen anders. Und immer und immer wieder hörte ich Geschichten über Frauen, die auf der Straße von Mafiatypen oder Leuten, die der Mafia nahestanden, einfach weggeschleppt wurden. Nicht einmal unbedingt für Prostitution, sondern auch einfach nur so zum Spaß. Wenn da eine schöne Frau war, würden diese Kerle sie einfach kurzerhand mitnehmen und am nächsten Tag wieder laufen lassen. Die Leute beschrieben die Neunziger wie eine kriegsartige Zeit – eine Zeit für Männer, nicht für Frauen. Aber zugleich wollte ich auch nicht, dass diese Gewalt die gesamte Story schluckt. Das hätte Veska auf ihre bloße Stigmatisierung reduziert. Bis zu einem gewissen Grad ist sie auch unabhängig und frei davon, auch wenn sie diese Erfahrungen mit sich herumschleppt. Sie ist wirklich die Herrin ihrer Geschichte. […] Wir neigen dazu, Genres wie den Westernfilm als im Besitz ihrer männlichen Protagonisten zu sehen. Aber zugleich war ich als kleines Mädchen davon ebenso fasziniert. Sie bildeten ein Auffangbecken für all meine Fantasien und Wünsche. Ich identifizierte mich mit ihren männlichen Helden wie ich zugleich Sehnsucht nach ihnen verspürte. Daraus entsteht eine sehr sonderbare emotionale Mischung.“ |
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Julius Feldmeier in „Gegen die Zeit“ (2022). | Foto © ZDF/Uwe Frauendorf |
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Entgegen der Vereinbarung |
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Aus der Praxis berichtet der Schauspieler und Regisseur Julius Feldmeier in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Er hat selbst erlebt, wie Vereinbarungen nicht eingehalten und Absprachen in letzter Minute geändert wurden: „Als Schauspieler begibt man sich in Zustände, die mit der Geschichte des Films und der emotionalen Verfassung der Figur, die man spielt, zu tun haben. Das kann mitunter sehr anstrengend sein, erfordert hohe Konzentration und eine Art Fokusverschiebung. So geht es mir, so erzählen es andere auch. Es ist dann schwieriger, für sich selbst einzustehen, weil man sich schon zum Anwalt seiner Figur gemacht und in den Dienst der Geschichte gestellt hat. Aus diesem Grund werden für Filmdrehs so viele Details vertraglich geregelt. Die Produktionsfirma sichert sich ab, dass die Schauspielenden die Dinge machen wollen und können, die notwendig sind, um das Drehbuch umzusetzen. Und die Schauspielenden wissen, worauf sie sich einlassen, einstellen und vorbereiten müssen, um sich unter diesen Rahmenbedingungen am Drehtag fallen lassen und in einen bestmöglichen kreativen, gemeinsamen Schaffensprozess begeben zu können. Idealerweise. […] Ein Regisseur, mit dem ich viel arbeite, hat am Set immer wieder gesagt: ,Vergesst nicht, es ist nur ein Film.’ Damit ist etwas ganz Wichtiges gesetzt: dass die an der Filmherstellung beteiligte Person und ihr Wohlsein nämlich immer schwerer gewichtet wird als das, was im Film passiert und notwendig erscheint, um dessen Geschichte zu erzählen. Das ist zurzeit noch Utopie, weil Filmproduktionen fast immer einer Verwertungslogik ausgesetzt und so knapp budgetiert sind, dass sie nicht ohne Ausbeutung und Selbstausbeutung auskommen. Aber Utopien sind ja dazu da, dass sie erreicht werden wollen. Es ist zu beobachten, dass es viele Suchbewegungen und Versuche in diese Richtung gibt. […] Aber die tägliche Berufsrealität ist immer wieder und viel zu oft inakzeptabel. Auch für Kinder, sogar beim Kinderfilm. Erst kürzlich vertraute sich mir ein junger Kollege an, erzählte von acht- bis zwölfjährigen Kids, die an Zwölf-Stunden-Drehtagen (erlaubt sind für Kinder in diesem Alter fünf Stunden am Set, von denen sie drei arbeiten dürfen) extremer Hitze und cholerischen Anfällen eines mit Gegenständen um sich werfenden Regisseurs ausgesetzt waren. Und wir müssen über Täterschaft von Schauspielenden sprechen, die innerhalb des Systems auch extreme, kaum angreifbare Machtpositionen einnehmen und für sich nutzen können.“ |
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Maria Ortese und Yugen Yah. | Foto © Indiefilmtalk |
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Der „Indiefilmtalk“ feiert Jubiläum und sendet seine 200. Folge im Doppelpack und auch als Videopodcast. Zuerst ist Yugen Yah zu Gast im eigenen Format und erzählt Maria Ortese, was seit der Idee zum Pocast vor neun Jahren so alles geschah. In der zweiten Hälfte berichtet Ivana Chubbuck von ihrer Arbeit als Schauspielcoach für Hollywood. In Workshops vermittelt sie ihre „Chubbuck-Methode“ auch im Rest der Welt. Den besonderen Ansatz hat sie im Buch „The Power of the Actor“ erklärt, das unter anderem auch ins Deutsche übersetzt wurde. Im Klappentext beschreibt sie es so: „Was ich unterrichte, ist Bestärkung. Nimm deinen Schmerz, deine Ängste und Unsicherheiten – aber statt dich damit zu zerstören, nutze sie für deine Zwecke. Die Zuschauer haben die gleichen Unsicherheiten und Probleme wie du, aber du machst etwas daraus, das sie vielleicht auch können. Das gibt ihnen Hoffnung und sie wollen dich wieder sehen.“ |
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Milton Welsh in der ARD-Serie „Almania“. | Foto © SWR/DCM/Clara Marnette |
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Im Podcast „Hollywoodgeflüster” hat Charles Rettinghaus den Schauspieler und Musiker Milton Welsh zu Gast. Der sei nämlich „eines der spannendsten Gesichter des deutschen Films“ und „hat eine Karriere gemacht, von der viele nur träumen“: Welsh spielte schon für Wes Anderson und tauchte sogar im Marvel-Universum auf. Dabei war er „immer der, den man nicht vergisst, auch wenn man den Namen nicht kennt.“ |
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Das Angebot bei Drama Box. | Screenshots |
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Die Liebe in den Zeiten des Algorithmus |
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„Die nächste Stufe der Industrialisierung des Erzählens ist erreicht“, graut es Tilman Baumgärtel beim „Perlentaucher“. Er hat er sich das Phänomen der Microdramen angesehen – „der ersten Erzählform, die ganz für die technischen Eigenschaften des Smartphones entstanden ist. […] Was im Groschenroman mindestens ein Kapitel und in der traditionellen Telenovela wenigstens eine 30-minütige Episode dauern würde, ist beim Microdrama in wenige Clips komprimiert: Wisch-wisch, Klick-klick geht es von einer grobschlächtigen Szene zur nächsten. Microdramen sind Seifenopern, die auf dem Handy gebingwatcht werden – beim Warten in der U-Bahn, im Bus, an der Supermarktkasse oder im Bett vor dem Einschlafen. […] Um in der Logik des endlosen Feeds überhaupt wahrgenommen zu werden, sind starke Reize notwendig: sofortige Verständlichkeit, schnelle Eskalation, heftige Affekte. Ein spontaner Wutausbruch hier, eine knappe Beleidigung da – Hauptsache, man geht im von Algorithmen gesteuerten Strom nicht unter. Jede Folge muss auch dann funktionieren, wenn sie zwischen zwei U-Bahn-Stationen geschaut wird, unterbrochen von Push- oder WhatsApp-Nachrichten. Lange Expositionen, psychologische Zwischentöne oder atmosphärische Übergänge würden da nur stören. Es sind Seifenopern nach der Logik von TikTok. Im Microdrama dominieren eindeutige Figuren, überdeutliche Gesten, kurze Sätze und maximale Konfrontation. Die Charaktere sind Archetypen, die das Publikum in Sekundenschnelle einordnen kann“. Das Publikum zahlt viel Geld fürs Abonnement. „Die Serien, die sie dafür zu sehen bekommen, beeindrucken dabei keineswegs durch hohe Produktionsqualität. Oft werden komplette Serien in nur wenigen Tagen abgedreht, und das sieht man: Drittklassige Schauspieler mühen sich in schäbigen Kulissen mit haarsträubenden Texten ab. […] Aber allzu viel sieht man von den Billig-Kulissen und den abgehalfterten Statisten ohnehin nicht: Im vertikalen Bildformat der Serien konzentriert sich die Mise-en-Scène auf einzelne Personen und deren Gesichter. Hintergründe, Kulissen oder Personengruppen nimmt im Smartphone-Vollbildmodus kaum jemand wahr. Hier zählen Close-ups: ein Blick, die Träne, die Geste – eine Bildsprache, die der Porträtfotografie ähnlicher ist als dem Breitwandfilm, dem Videoanruf näher als der Kinoleinwand oder dem Flachbild-Monitor.“ So erleben Menschen heutzutage Medien nun mal zuerst, meint Simon Pycha bei „DWDL“. „Vertikale Inhalte sind damit für sie kein Sonderfall, sondern Normalität. […] Damit transformieren sich Sehgewohnheiten in eine Richtung, die nicht mehr ohne schnelle Schnitte und hohe Informationsdichte auskommt. Auch die Aufmerksamkeitsspanne ist komprimiert, Videos werden tendenziell in kürzeren Sequenzen konsumiert. Dazu nähert sich ebenfalls der Blickwinkel und Erzählgedanke an den Zeitgeist des Influencer-Hype an: anstelle von weiten Bildkompositionen liegt der Fokus vermehrt auf Einzelpersonen, ihr Innenleben und private Ansichten. […] Im Umkehrschluss stehen User einer Vielzahl von Angeboten gegenüber, die inhaltlich und technisch noch nie so divers waren. Die kulturelle Norm aus Fernseher, Computerbildschirmen und Kinos ist für das heutige Publikum (im Kontrast zu früheren Generationen) nicht mehr der universelle Standard. Damit löst sich nicht nur die Fixierung auf ein Seitenverhältnis, sondern es entsteht ein situatives Formatverständnis.“ |
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Die Liebe zum Algorithmus |
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Deutsche Produktionsfirmen zeigen sich noch zurückhaltend beim Hochkant-Hype, berichtet Torsten Zarges bei „DWDL“ von einer Veranstaltung. „Gleich zu Beginn outete sich Entertainment-Fachanwältin Julia Schafdecker als glühender Fan von Vertical-Drama-Soaps, die sie tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn verschlinge. Auf ihre erwartungsvolle Frage, was deutsche Produzenten denn nun aus dem Trend machten, reagierte Drive-Beta-Chef Hannes Jakobsen eher sparsam: Er sehe dort vorerst kein spannendes Geschäftsmodell, weil das Geld nicht in der Produktion, sondern in der massenhaften Distribution der Kurzserien verdient werde. Dafür brauche es schon eine App mit Millionenreichweite. So oder ähnlich sehen es viele im deutschen Markt. Zwischen persönlicher Euphorie und geschäftlichem Abwarten sondiert man mögliche Einstiegsszenarien und beobachtet ansonsten, wer welche Plattform- und Finanzierungsmodelle etablieren könnte.“ Die Constantin aber hat schon zwei Serien für eine US-Plattform produziert – auf Englisch mit jeweils 60 Episoden. „Vertical Storytelling ist wahrscheinlich das erste fiktionale Genre, das nicht aus der kreativen Vision eines Storytellers entsteht, sondern aus Plattformverhalten. Erfolgreiche Vertical Dramas entstehen nicht aus Originalität. Sie entstehen aus Iteration, Pattern Recognition, tausendfach getesteten emotionalen Mechaniken. Die globale Industrie arbeitet näher an Gaming und Performance Marketing als an TV-Entwicklung“, zitiert Zarges den zuständigen Manager Kai Fischer. Allein, es fehle die Infrastruktur. „An einer App, die perspektivisch in diese lokale Lücke stoßen könnte, arbeiten derzeit nicht nur die Black Forest Studios. Auch das im Januar gegründete Münchner Unternehmen Vertical Minds, hinter dem IFP-Entertainment-Chef Markus Vogelbacher und Games-Entwickler Chriz Merkl stehen, hat sich vorgenommen, die ,führende europäische Plattform für vertikale Premium-Videoinhalte im 9:16-Format’ zu bauen.“ |
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„Armageddon“ (1998). | Foto © Touchstone |
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Arbeitsunfälle und Außerirdische |
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Schwedische Geologen haben untersucht, wie ihr Berufsstand im Kino dargestellt wird. Die Ergebnisse ihrer zehnjährigen Recherche veröffentlicht „Geologe Today“ [auf Englisch]. Svenna Triebler findet sie in der „Jungle World“ äußerst vergnüglich: „Aufgeschlüsselt nach Erscheinungsdatum und Genre befasst sich die Arbeit insbesondere mit den filmischen Berufsrisiken, und die sind erheblich: In 141 Filmen aus den Jahren 1919 bis 2023 sterben demnach 69 von insgesamt 202 Geolog*innen. Häufigste Todesursache ist Mord mit insgesamt 30 Fällen, wobei in ,The Money Jungle’ (1967) gleich fünf Wissenschaftler den Interessen eines Ölkonzerns zum Opfer fallen. ,Der schlimmste Serienmord an Geologen in sämtlichen Filmen’, konstatieren die Studienautoren. Den zweiten Platz teilen sich mit je zwölf Fällen Arbeitsunfälle (Vulkanausbrüche, Stürze in Felsspalten et cetera) und Außerirdische […]. Als Verkehrsunfall (insgesamt neun Fälle) wiederum wird der Sturz mit einem Raumschiff auf einen Asteroiden in ,Armageddon’ (1998) gewertet.“ |
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„Persepolis“. | Illustration © Marjane Satrapi |
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Kunst um der Kunst willen |
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Vor fast 20 Jahren hatte Marjane Satrapi etwas Filmgeschichte geschrieben. In „Persepolis“ erzählte sie von ihrer Kindheit im Iran während der „Islamischen Revolution“ 1979, vom Exil in Europa und dem Schicksal von Freunden und Familie. Der Film erhielt den „Preis der Jury“ bei den Filmfestspielen von Cannes, zwei „Césars“ und war für etliche weitere Preise bis hin zu zwei „Oscars“ nominiert. Und die Kritiken waren verblüfft, was sich in einem Zeichentrickfilm so ernsthaft erzählen lässt. Dabei war schon die Vorlage mehrfach ausgezeichnet worden. Ab 2000 hatte Satrapi ihre Erzählung als Bildgeschichte in vier Bänden veröffentlicht. „Danach war die Erzählgattung Comic eine andere“, schreibt Andreas Platthaus in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Am Donnerstag voriger Woche ist die Regisseurin und Zeichnerin im Alter von 56 Jahren gestorben. Der „Perlentaucher“ hat die Nachrufe gesammelt. Aus der Zeit vor den Mullahs und unter der Herrschaft des Schahs erzählte Satrapi in ihrem nächsten Film, wieder nach eigener Comic-Vorlage. Jetzt aber mit echten Schauspieler*innen. Das Melodram „Huhn mit Pflaumen“ lief 2011 an, auf dem Höhepunkt der Aufstände und Revolutionen des „Arabischen Frühlings“ und mit weit weniger Erfolg. „Man kann sagen, dieser Film ist nicht politisch. Aber was könnte die Vorurteile über ein Land besser widerlegen als eine Geschichte, die erzählt: ‚Am 22. November 1958 stirbt ein Mann aus Liebe zu einer Frau’“, sagte Satrapi später im Interview mit Amira Aslani für die „Frankfurter Rundschau“. „Indem ich Kunst um der Kunst willen, um der Liebe wegen, um der Schönheit willen mache, gebe ich ein politisches Statement ab. Ich bin es leid, große Worte zu hören. […] Ich bin Künstlerin, und mache das, von dem ich etwas verstehe.“ Im vergangenen Jahr starb Satrapis Ehemann, der schwedische Schauspieler Mattias Ripa. „Er sei die Liebe ihres Lebens gewesen, hat Satrapi mal über ihn gesagt, und sein Tod ließ sie tief verzweifelt zurück“, schreibt Jens Balzer in der „Zeit“ [Bezahlschranke]. Marjane Satrapi sei, „wie es aus ihrem Freundeskreis heißt, ,aus tiefer Traurigkeit’ in Paris gestorben.“ |
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Felix Meinhardt (rechts) im Team-Selfie beim Dreh von „Cool Down“. | Foto © Felix Meinhardt |
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Wie sich Filme auch finanzieren lassen, präsentiert der Regisseur und Produzent Felix Meinhardt während des Münchner Filmfests. Die drei Veranstaltungen sind für Filmschaffende frei, aber nur mit jeweiliger Anmeldung an: info@felixmeinhardt.com. Beim Screening und Werkstattgespräch im „Werkstattkino“ gibt es Einblicke in aktuelle Filmproduktionen, darunter der Öko-Thriller „Cool Down“ [Trailer]. Samstag, 27. Juni, 11 bis 13 Uhr. „Werkstattkino“ (Fraunhoferstr. 9), München Weiter geht’s danach zum „persönlichen Netzwerken in entspannter Atmosphäre“ in den „Bayerischen Hof“. Beim dem informellen Empfang mit Cast, Crew und „strategischen Projektpartnern“ soll auch das Fimafilm-Netzwerk vorgestellt werden – „eine völlig neue Form unabhängige Spielfilme herzustellen“, so Meinhardt. Samstag, 27. Juni, 14 bis 16 Uhr. Hotel „Bayerischer Hof“, (Promenadeplatz 2-6), München Für drei neue Projekte im Netzwerk finden schließlich am Festivalmittwoch Castings statt. Mittwoch, 1. Juli, 10 bis 16 Uhr. Fünf Höfe (Theatinerstraße 15), München |
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1986 eröffnete Matthias Helwig sein erstes „Breitwand“-Kino. Inzwischen betreibt er neun Säle an drei Orten und veranstaltet nebenbei auch noch alljährlich das Fünf-Seen-Filmfestival. Das 40. Kinojubiläum wird Ende Juni im „Breitwand“ in Gauting gefeiert: Auf dem Programm stehen am Samstag unter anderem ein Stummfilm von Harold Lloyd mit Live-Musikbegleitung von Tempo Nuevo sowie ein Kurzfilm von Helwig selbst, der während seines Regie-Studiums an der HFF München entstand. Am Sonntag gibt es ausgewählte Filme zu Preisen des Jahres 1986 anzusehen – damals 7,50 D-Mark (rund 3,75 Euro). Außerdem zeigen die „Breitwand“-Kinos bis Anfang August ein Jubiläumsprogramm mit Filmen aus vier Jahrzehnten. Samstag, 27. Juni, 18 Uhr. Kino „Breitwand“, Gauting. |
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Wir verbinden Menschen, um gemeinsam großartige Filme zu machen! |
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