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Nachrichten für Filmschaffende – der Branchennewsletter von Crew United
#823 vom 17. September 2026
Das Titelthema: Kleine Königreiche

Die weiteren Themen: Filmemachen | Podcast | Festival | Förderung | Rückblick | Termin
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Thema

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Alan Wolk.  | Foto © Lars Hübner

Kleine Königreiche

Streaming hat die Medienwelt verändert. Doch mit Algorithmen, Plattformökosystemen und einer neuen Konsolidierungswelle entstehen auch neue Abhängigkeiten und Medienblasen. Der US-Medienanalyst Alan Wolk beschreibt diese Entwicklung in seinem neuen Buch mit dem Begriff „Feudal Media“. Dazu befragte ihn Peter Effenberg, Leiter der MediaTech Hub Conference, die übernächste Woche wieder Expert*innen aus Film und Technik  zusammenbringt. 
„Über Jahrzehnte gab es eine mediale Monokultur. Zeitungen, Radio und später Fernsehen schufen gemeinsame Bezugspunkte“, erklärt Wolk im Vorab-Interview auf „Outtakes“. „Diese gemeinsame Welt zerfällt. Heute leben Menschen zunehmend in kleinen medialen Königreichen: auf Netflix, Instagram, TikTok, Spotify oder Substack. Algorithmen verstärken diesen Effekt, indem sie uns immer mehr von dem zeigen, von dem sie glauben, dass es uns interessiert. Das muss nicht einmal politisch sein. Wer sich für Restaurants interessiert, bekommt Restaurants. Wer sich für eine bestimmte Sportmannschaft interessiert, bekommt fast nur noch diese Mannschaft. Andere Perspektiven verschwinden aus dem Blickfeld.“
Diesen  „Verlust der Serendipität“ hält Wolk für eines der größten Probleme: „Früher konnte man beim Zappen auf eine Sendung stoßen, die man niemals bewusst ausgewählt hätte. In einer Buchhandlung konnte ein Cover Interesse wecken, ohne dass ein Algorithmus es vorher für uns berechnet hatte. Genau diese Zufallsentdeckungen fehlen heute. Wenn Spotify mir immer wieder Musik empfiehlt, die meiner bisherigen Auswahl ähnelt, bekomme ich zwar zuverlässig das, was ich mag – aber immer seltener etwas, das mich wirklich überrascht. Medien müssen deshalb wieder stärker Neugier erzeugen, statt nur Vorlieben zu bestätigen.“
Die MediaTech Hub Conference findet am 29. und 30. September 2026 im Studio Babelsberg statt.

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Filmemachen

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„Kalter Hund“. | Foto © Milk Pictures

Befreit gespielt

Mehr Mut zum Scheitern und für Experimente hatte die Initiative „Junger deutscher Film 2023“ einst angemahnt [„Outtakes“]. Pauline Roenneberg war eine der drei Gründer*innen. Jetzt zeigt sie in ihrem Kinodebüt, wie sie sich das vorstellt. Die Schwarze Familienkomödie „Kalter Hund“ entstand ohne Dialogbuch, nur mit einem szenisches Treatment; die Figuren entwickelte sie mit den Schauspieler*innen.
„Selbst die besten Schauspieler kriegen nicht aus dem Kopf, was gleich passieren wird. Ohne dieses Wissen war ihr Spiel total befreit. Ich muss meinem Ensemble unglaublich danken, dass sie mir vertraut haben. Die Schauspieler wussten nicht, was der Film am Ende erzählt, aber ich wusste immer, wonach ich suche; ich wusste nur noch nicht, wie der Weg dahin aussehen würde“, erzählt die Regisseurin im Interview mit Susanne Gietl im „ND“.
Die Dynamik ihrer Spielfilmfamilie sieht sie auch in der Realität: „Dass wir alles richtig machen wollen, ist in der Filmbranche noch offensichtlicher. ,Kalter Hund’ polarisiert extrem. Es gibt viele Leute in der Branche, die sagen: ,Du kannst keinen Ensemble-Film machen, wo es keine klare Hauptfigur gibt.’ Die Leute haben einen Wunsch nach Klarheit. Sie wollen wissen: Wer ist ,der Gute’ und wer ist ,der Böse’? Und auf welcher Seite stehen wir? Ich habe das Gefühl, je komplexer die Welt wird, umso einfacher sind die Figuren. Wir wollten nicht, dass der Zuschauer am Ende eine einfache Antwort kriegt, sondern ausloten, wie weit man mit scharfem politischem Humor gehen kann und die Ambivalenz der Figuren bewahren.“
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Kida Khodr Ramadan in „4 Blocks“. | Foto ©

Griff nach der Kultur

Können Filme die Demokratie retten? Der gegenwärtige Höhenflug der AfD hat auch die Film- und Fernsehbranche aufgeschreckt, berichtet Oliver Jungen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: In Köln fand eine Krisentagung der Film- und Fernsehbranche statt, der große Kinosaal war „bis zur letzten Reihe gefüllt. […] Sven Lehmann (Grüne), Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, sprach in seinem Impulsvortrag von einer ,Zäsur’, die die Politik in Deutschland und die Zivilgesellschaft verändern werde. Nicht zufällig wollten die Rechtspopulisten eine Neuausrichtung der Kultur. Empathie und Perspektivwechsel entstünden nämlich in den Geschichten, die eine demokratische Gesellschaft über sich erzähle. Gefördert werden solle unter einer möglichen AfD-Regierung hingegen nur Kultur, die der deutschen Identitätsfindung diene. […] Unter Druck stehe auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk; für viele der Produzenten der wichtigste Abnehmer ihrer Inhalte.“
Der Kulturkampf wirkt sich schon längst aus. Der Schauspieler und Regisseur Kida Khodr Ramadan „lenkte den Blick auch darauf, was gerade nicht gut laufe für Filmemacher wie ihn. Man verliere die erzählerische Freiheit, weil in Sendern und Redaktionen alles ängstlich infrage gestellt werde. Für einen normalen Namen wie ,Osama’ etwa musste er kämpfen. Selbst eine Zigarette, die einer seiner Charaktere rauchen sollte, wurde zum Problem. ,Kontrolle’ sei ,ein ganz großes Element’ geworden (,es fängt schon beim Gendern an’). Und das mit Folgen: ,Du hast schon Blockaden beim Schreiben.’ Für den Regisseur und Produzenten Volker Heise ist das Problem noch viel größer: Gewollt seien etwa im Dokumentarfach, in dem er unterwegs ist, nur noch Filme über Prominente oder starke Marken, die ihr Publikum quasi gleich mitbringen. Ein experimentelles Format wie ,24h Berlin’ oder ,Berlin 1933’ sei heute kaum noch durchsetzbar. Das Zuschneiden auf Zielgruppen mache jedoch kaputt, was den Dokumentarfilm im Kern auszeichne: seine Autonomie, die zu Unvorhergesehenem führe. Im Laufe des Tages wurde dann auch der Zweifel hinsichtlich der Wirksamkeit des demokratischen Erzählens vernehmlicher.“ 
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„Maxton Hall“. | Foto © Amazon Prime/Stephan Rabold

KI-Experimente 

Auch die beste Synchronisation kann es nicht ändern: So ganz wollen die Worte und die Lippenbewegungen doch nie zusammenpassen. Doch nun hat Amazon eine „Synchronisations-Revolution“ gestartet, vermeldet Marcus Reichl bei „Digitalfernsehen“. Der Streamer setzt auf ein neues Verfahren, das KI- und VFX-Technik kombiniert, um die Lippen der Schauspieler*innen nachträglich an übersetzte Dialoge anzugleichen. Den Praxistest machte die Serie „Maxton Hall“, die „weltweit zunächst mit englischer Synchronisation“ angeboten werde. 
In ähnlicher Richtung experimentieren auch RTL und Constantin Entertainment, berichtete  Timo Niemeier neulich bei „DWDL“. Der Sender ließ alte Folgen von „Das Strafgericht“ bearbeiten. „So seien Figuren, Handlungsverläufe und auch Urteile auf Basis der bereits produzierter Episoden neu entwickelt worden. Zum Einsatz kamen dabei nach RTL-Angaben unter anderem Verfahren für Bildbearbeitung, Sprachsynthese und Lipsync-Anpassungen.“ 
Die Verantwortlichen zeigen sich begeistert. „Erstmals zeigen wir im täglichen Grid, was generative KI heute schon leisten kann und was sie für die Zukunft des Erzählens bedeutet“, sagt Inga Leschek, CCO von RTL Deutschland.
Eigentlich zeigt man’s ja nicht, berichtet Niemeier in einem weiteren Artikel auf „DWDL“. Zum einen findet er das Ergebnis „ziemlich durchwachsen […]. Das ist eigentlich überraschend: Beim Experiment ist das Anwendungsfeld überschaubar, es geht um lediglich fünf Folgen des ,Strafgerichts’ – und in Köln weiß man, dass die gesamte Branche auf den Test schaut. Dass das Ergebnis qualitativ trotzdem noch an der ein oder anderen Stelle zu wünschen übrig lässt, lässt den Schluss zu, dass es mit der vorhandenen beziehungsweise genutzten Technik nicht besser ging.“ 
Zum anderen war er gespannt, wie der Sender mit der Kennzeichnungspflicht umgeht. „Hier hat man bei RTL eine interessante und durchaus diskussionswürdige Strategie gewählt. Während es bei RTL+ am Ende der Folgen einen kurzen Hinweis im Abspann (,Teile der Inhalte wurden unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz erstellt.’) gibt, verzichtet man im linearen Programm völlig auf eine Kenntlichmachung. Auch das ist überraschend. Die EU-Verordnung ist an dieser Stelle eigentlich ziemlich klar und wieso sollte für die Folgen im TV-Programm etwas anderes gelten als online bei RTL+?“

Podcast

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Salzgeber-Geschäftsführer Björn Koll. | Foto cc Johann Peter Werth

Gesellschaftliches Engagement

Über „Filmverleih als gesellschaftliches Engagement“ spricht der „Indiefilmtalk“ diese Woche mit Björn Koll von Salzgeber. Den Verleih hatte Manfred Salzgeber 1985 gegründet, um queeren Menschen eine Repräsentation in der Filmlandschaft zu geben. „Zu dieser Zeit lag der Fokus vor allem auf die Auseinandersetzung mit der Krankheit Aids. Filme zu diesen Themen zu fördern, hatte weniger kommerzielle als kulturelle und aktivistische Ziele, die bis heute eine wichtige Rolle spielen. Denn der Film bot damals wie heute eine Chance, Millionen Menschen zu erreichen und zu informieren.“
Anfangs betreute der Verleih vier bis fünf Filme pro Jahr, heute sind es 30 bis 40 Filme. „Die Arbeit hat sich in eine schnellere Taktung aus Untertiteln, Artwork und Pressematerialien gewandelt, die um journalistische Sichtbarkeit kämpft. […] Auch die deutsche Filmförderung stellt Verleiher vor Herausforderungen. Zwar wurde sie ausgebaut, doch ihre Anforderungen sind komplex geworden und wälzen finanzielle Lasten auf Verleiher ab. Ein Nischenfilm erreicht vielleicht 2.000 Zuschauer – oft nicht kostendeckend.“

Festival

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„Woman Unknown“. | Foto © Andrejs Strokins/Venice Film

Politische Filme, nächste Folge

Die Filmfestspiele Venedig endeten mit einer Überraschung, beginnt der „Perlentaucher“ seinen Überblick: May el-Toukhy hat für „Woman Unknown“ den „Goldenen Löwen“ erhalten. Ganz so unbekannt, wie der „Perlentaucher“ glaubt, ist die Regisseurin zwar nicht [Wikipedia]; aber mit der Auszeichnung waren auch nicht alle einverstanden: Das „rief sogleich den Verdacht einer Entscheidung im Dienste des Feminismus, nicht der Filmkunst, hervor“, berichtet Valerie Dirk im „Standard“. „Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal wehrte Angriffe dieser Art humorvoll und bestimmt ab. Das im Dänemark der unmittelbaren Nachkriegszeit angesiedelte Historiendrama sei für Gyllenhaal ein meisterhafter Film gewesen, der wie ein ,Laserstrahl’ durch den Wettbewerb geschienen habe.“
Dirk selbst gibt dem Film sogar „Oscar“-Chancen. Und den Feminismusvorwurf schmettert sie gleich mit den ersten Sätzen zurück: „83 Jahre alt sind die Filmfestspiele von Venedig heuer geworden, und die dänische Regisseurin May el-Toukhy ist erst die achte Regisseurin, die mit dem Hauptpreis, dem ,Goldenen Löwen, ausgezeichnet wurde. Die Filmbranche war und ist bis heute inhärent sexistisch. Allein die Tatsache, dass el-Toukhy die einzige Spielfilmregisseurin im 21 Filme starken Wettbewerb war, spricht für sich. Allein neben ihr steht Dokumentarfilmerin Rachel Szor, die gemeinsam mit ihrem Partner Yuval Abraham für die Polit-Doku ,NAZA’ ausgezeichnet wurde.“ 
Allerdings erhielt der Dokumentarfilm „nur“ einen „Spezialpreis der Jury“, was „dem Politikum die Brisanz nimmt, die eine Auszeichnung mit einem der Hauptpreise bedeutet hätte“, erklärt Hanns-Georg Rodeck in der „Welt“. So hatte man es auch vor drei Jahren mit „Green Border“ gemacht, in dem Agnieszka Hollands die Zustände an Europas Außengrenzen zeigt, und im Jahr zuvor mit Jafar Panahis „No Bears“, den der iranische Regisseurs im Geheimen drehen musste.
Brisant ist „NAZA“ allemal. Scor und Abraham gehörten zum Regiekollektiv von „No Other Land“, der die Situation im Westjordanland dokumentiert, die Berlinale durcheinandergebracht und „Oscar“ gewonnen hat. In „NAZA“ blicken die beiden auf den Krieg in Gaza und lassen die Schreibtischtäter selbst erzählen, wie Israels Armee zivile Opfer als „Kollateralschäden“ einkalkuliert. Und prompt bekommen sie denselben Ärger wie damals [wir berichteten auf „Outtakes“]. 
Zudem kommt der Film sechs Wochen vor der Parlamentswahl in Israel, merkt Rodeck an: „Der israelische Kulturminister Miki Zohar will den beiden Regisseuren von ,NAZA’ die Staatsbürgerschaft entziehen. Am Sonntag nach der Preisverleihung bezichtigte er sie im Onlinedienst X des ,Verrats am Staat’ Israel. Sie seien bereit, ,ihrem Heimatland zu schaden, um Beifall von Antisemiten auf der ganzen Welt zu erhalten’. Er werde daher ,unverzüglich Maßnahmen ergreifen’, um Szor und Abraham die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Wie sehr diese Reaktion dem Eifer des Wahlkampfgefechts geschuldet oder aber wie ernst gemeint sie ist, wird in Zukunft genau zu beobachten sein. Der Entzug der Staatsbürgerschaft für einen kritischen Film scheint mit den Werten einer Demokratie schwer zu vereinen.“
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Förderung

 

Eine neue Filmpolitik

Film- und Förderpolitik sind ja eher nicht so schillernde Themen. Dafür hat die Alliance Lumière [auf Englisch], die sich vorige Woche gegründet hat [cinearte 822], doch recht viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Filmförderungen der meisten europäischen Staaten sind als Gründungsmitglieder dabei. Peter Dinges, Chef der Filmförderungsanstalt, erklärt nochmal genauer, worum es eigentlich geht – und warum er die Allianz für einen „Meilenstein für die internationale Filmpolitik“ hält:
„Filmförderung und Filmpolitik haben sich in den vergangenen Jahren regional gut organisiert […]. Was bisher fehlte, war ein globales Forum, das die unterschiedlichen regionalen Perspektiven weltweit zusammenbringt. Zwischen den Netzwerken gab es zwar Austausch, aber eben noch keine kontinuierliche, kontinentübergreifende Zusammenarbeit“, sagt er im Interview mit Barbara Schuster bei „The Spot“
„Zum anderen setzt der Summit mit der Lumière Declaration einen gemeinsamen inhaltlichen Rahmen. Darin geht es um kulturelle Vielfalt, die Zukunft des Kinos, neue Technologien und künstliche Intelligenz, geistiges Eigentum, internationale Zusammenarbeit, Filmbildung und Nachhaltigkeit. Entscheidend dabei ist: Es geht nicht darum, dass künftig alle Länder dieselbe Filmpolitik machen. Im Gegenteil. Die unterschiedlichen nationalen Modelle sollen erhalten bleiben. Aber bei Fragen, die uns weltweit gemeinsam betreffen, braucht es mehr Kooperation. Genau diesen Ansatz definiert die Erklärung als einen ,Multilateralismus des bewegten Bildes’.“
Schon im Herbst will man sich an die Arbeit an einer gemeinsamen Strategie machen – zwei Treffen pro Jahr sind geplant. „Für mich hat sich ein Gedanke durch erstaunlich viele Diskussionen gezogen: Wir müssen Filmpolitik neu denken – ausgehend vom gesamten Weg eines Werkes“, berichtet Dinges vom Gründungstreffen. „Bislang haben wir uns zu Recht darauf konzentriert, optimale Bedingungen für die Filmproduktion zu schaffen Das bleibt weiterhin eine Kernaufgabe der Filmförderung. Aber heute beginnt ein großer Teil der Herausforderung erst, wenn der Film fertig ist. Findet er sein Publikum, und bekommt er genügend Aufmerksamkeit, um Wirkung zu entfalten. Dabei ist und bleibt das Kino ein einzigartiger Ort. Es schafft einen gemeinsamen ablenkungsfreien Raum, in dem ein Werk nicht nur gefunden, sondern tatsächlich als kulturelles Ereignis erlebt wird. Doch die Debatte greift weiter und umfasst das ganze System: Von Festivals und Filmkritik bis hin zu Filmbildung, Plattformen, Algorithmen und KI-Assistenten. Wegweisend fand ich deshalb, dass die Lumière Declaration die Frage, ob Werke überhaupt sichtbar werden und ihr Publikum erreichen, auf dieselbe Stufe stellt wie ihre Entstehung.“

Rückblick

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Ralf Richter in „Bang Boom Bang“ (1999). | Foto © Central Film

Seele und Schnauze des Ruhrpotts

„Wenn Schimanski das Herz des Ruhrgebiets ist, verkörpert Ralf Richter seine Seele“, schreibt Arno Frank im „Spiegel“ [Bezahlschranke]. Der Schauspieler ist am Dienstag im Alter von 69 Jahren gestorben. Vor allem den Ruhrpottler gab Richter in vielen Variationen – gerne derb und laut und oft sympathisch: „Schauspieler, die in Deutschland wirklich Kultstatus erreicht haben, kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Was es dazu braucht, lässt sich auf keiner Schauspielschule lernen“, meint Frank. 
Zum Glück wohl, denn von der Schauspielschule in Bochum flog Richter nach zwei Jahren, weil „nicht ausbildbar“. Er spielte trotzdem für Theater und Fernsehen, war 1981 beim Welterfolg „Das Boot“ an Bord und hatte eine Hauptrolle in der Ruhrpottsaga „Rote Erde“. Den Kultstatus erreichte Richter freilich erst als „Kalle Grabowski“ in der Krimikomödie „Bang Boom Bang – ein todsicheres Ding“: „Der cholerische Häftling mit Vokuhila und Schnauzbart auf Rachefeldzug ist seine ikonischste und wohl komischste Rolle.“ 
Jedenfalls prägte er „nicht nur das deutsche Fernsehen, sondern auch die Wahrnehmung einer ganzen Region“, findet Niklas Maak in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Der Architektensohn gab „oft wilde Typen, Bösewichte und, sehr überzeugend, den rauen, aber sympathischen Ruhrpottler, der das Publikum mit seiner schnodderigen Art […] erfreut.“ 
Film und Fernsehen schenkte er damit eine ganze „Ahnenreihe von ehrlichen Malochern“, schreibt Andreas Busche im „Tagesspiegel“ [Bezahlschranke]. „Das ,Asige‘ an seinen Figuren hat Richter nie abwertend gemeint, es war ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Lauten, Fröhlichen, dem Gemeinsinn der einfachen Leute. […] Auf seine Stimme, die immer klang, als hätte er mit Selbstgebranntem gegurgelt, […] wird man nun verzichten müssen. Aber sein Ruhm strahlt weit über das Ruhrgebiet hinaus.“
Unterdessen lief eine Spendenaktion, um eine Trauerfeier für Richter zu finanzieren. 10.000 Euro waren das Ziel, mehr als das Doppelte war nach einem Tag zusammen. Doch es gab auch Kritik an der Aktion, berichtet Steven Iowa bei T-Online. „Die Initiatorin hat sich ebenfalls zu Wort gemeldet. […] Ein bekannter Name bedeute nicht automatisch finanziellen Reichtum. Demnach lägen die Erfolge Ralf Richters ,teilweise Jahrzehnte zurück’, zudem seien die ,tatsächlichen Lebensumstände eines Menschen’ für Außenstehende schwer nachvollziehbar.“

Termin

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„Two Stage Sisters“ (1964) | Foto © China Film Archive

Vergessene Schätze

Irgendwann in 1980er-Jahren war die Welt ein bisschen verblüfft, als plötzlich „bildmächtige Regisseure wie Zhang Yimou (,Rotes Kornfeld’) und Chen Kaige (,Gelbe Erde’) das Weltkino über Filmfestivals eroberten. Davor gab es indes schon vier Generationen an Filmabsolventen der Pekinger Filmakademie, deren Schaffen erst in den vergangenen Jahren neu entdeckt und restauriert wurde“, schreibt Valerie Dirk im „Standard“ und empfiehlt die „hochinteressante“ und „einzigartige“ Filmschau im Wiener Filmmuseum. 
„Vorfrühling des chinesischen Kinos (1922–1964)“ zeigt Klassiker von den Anfängen der Filmindustrie in Schanghai bis kurz vor der Kulturrevolution. Deren Geschichte unter wechselnden Machthabern und Zensur erzählt Shelly Kraicer auf der Website des Filmmuseums. Denn nicht nur die Welt hatte Chinas Kino lange vergessen, zeigt sie am Beispiel des jüngsten Films im Programm: „In ,Two Stage Sisters’ (1964) nimmt Regisseur Xie Jin, Vertreter der dritten Generation, Anleihen beim klassischen Hollywoodkino und beim sowjetischen Sozialrealismus, bei Melodramen aus Shanghai sowie bei der lokalen Volksoper und formt ein vielstimmiges Drama über Solidarität unter Frauen und ihre Widerständigkeit. Sein Publikum fand der Film jedoch erst nach der Katastrophe der Kulturrevolution (1966–1976), die bis auf wenige Ausnahmen jegliche Filmproduktion zum Erliegen brachte. Nach 1978 ist die Geschichte des chinesischen Kinos von einem bemerkenswerten ästhetischen Wiederaufleben von Shanghais filmischer Tradition gekennzeichnet, vorangetrieben von früheren progressiven Filmschaffenden und ihrer Idee von einer nationalen moralischen Bestimmung, beflügelt durch den wiedererwachten Dialog mit der Außenwelt.“
Noch bis 22. Oktober. Österreichisches Filmmuseum (Augustinerstraße 1), Wien



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